Spannendes Konzept: Orbea Rallon RS
Was passiert, wenn man die Vielseitigkeit eines modernen Enduros mit dem Fahrgefühl eines Cross-Country-Bikes kombinieren will? Mit dem Rallon RS stellt Orbea kein klassisches E-MTB vor, sondern ein Konzeptbike, das genau diese Frage beleuchtet. Der Motor steht dabei nicht im Mittelpunkt, wie bei einem E-Bike – er ist vielmehr Mittel zum Zweck. Ziel ist es, das bekannte Mountainbike-Fahrerlebnis neu zu interpretieren.
Der Motor als unsichtbares Werkzeug – nicht als Charaktergeber
Entscheidend für das Konzept ist die Rolle des Motors. Orbea nutzt mit dem TQ HPR40 einen extrem leisen, kompakten und bewusst leistungsschwachen Antrieb. Mit 40 Nm Drehmoment und maximal 200 Watt Spitzenleistung bleibt die Unterstützung dezent – so dezent, dass sie das Fahrgefühl nicht prägt, sondern lediglich ergänzt.
Der Motor ersetzt keine Eigenleistung und eröffnet keine neuen Uphill-Dimensionen. Er gleicht lediglich das Mehrgewicht, den Federweg und den Rollwiderstand eines Enduro-Bikes aus. Orbeas Ziel: Ein Bike mit über 160 mm Federweg soll sich bergauf so anfühlen wie ein unmotorisiertes CC- oder Downcountry-Bike – nicht schneller, nicht leichter, sondern gleichwertig.
Damit rückt das Rallon RS näher an ein Bio-MTB-Konzept heran als an ein klassisches E-Bike.
Systemdenken statt Einzelkomponenten
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die konsequente Systemintegration. Fahrwerk, Motor, Variostütze und Bedienelemente sind nicht unabhängig voneinander, sondern kommunizieren permanent miteinander. Fahrzustand, Trittfrequenz, Geschwindigkeit und Sitzposition beeinflussen, wie das Bike reagiert – bergauf wie bergab.
Das Ziel ist kein automatisiertes Fahrgefühl, sondern ein vorhersehbares, stabiles und ruhiges Bike, das sich dem Fahrer anpasst, nicht umgekehrt. Als Fahrer soll man weniger denken müssen und sich nur aufs Fahren konzentrieren. Man kennt diese Argumentation vom RockShox Flight Attendant Fahrwerk, wo das Konzept perfekt aufgeht. Hier denkt man aber tatsächlich noch einen Schritt weiter. Gerade bergab soll sich das Rallon RS vollständig wie ein klassisches Enduro anfühlen – ohne motorbedingte Eingriffe, Geräusche oder Verzögerungen. Der Antrieb tritt hier bewusst in den Hintergrund.
Ein Konzept-Bike für Bio-Biker?
Das Orbea Rallon RS will kein E-Bike sein, sondern die neue Interpretation eines klassischen Bikes. Es stellt die Frage, ob Leistung, Effizienz und Vielseitigkeit künftig ausschließlich über Muskelkraft, Gewicht und Geometrie definiert werden müssen. Wie nah die beiden Welten von E-Bike und Bio-Bike mittlerweile ohnehin schon beisammen liegen, zeigt auch unser Systemvergleich zweier zum Verwechseln ähnlicher Canyon Spectrals.
Orbea nutzt den Motor nicht, um das Mountainbiken zu verändern, sondern um es zu erhalten: lange Anstiege, technisches Gelände, echtes Feedback vom Trail – nur ohne die typischen Nachteile eines schweren, potenten Enduros. In diesem Sinne ist das Rallon RS weniger ein E-MTB als vielmehr ein experimenteller Zwischenschritt auf der Suche nach neuen Bike-Kategorien.
Ausblick: Denkansatz mit Signalwirkung
Das Rallon RS wird zunächst nur in sehr kleiner Stückzahl produziert und ist klar als Studie zu verstehen. Entscheidend ist nicht das konkrete Bike, sondern die Idee dahinter. Die Erkenntnisse aus diesem Projekt könnten langfristig Einfluss auf zukünftige Bio-MTBs nehmen – etwa durch neue Ansätze bei Kinematik, Integration oder Effizienzdenken.
Ob sich dieser Weg durchsetzt, bleibt offen. Sicher ist jedoch: Orbea stellt mit dem Rallon RS nicht das E-MTB, sondern das Mountainbike an sich infrage. Und genau das macht dieses Konzept für Bio-Biker so spannend.
Ludwig Döhls persönliche Meinung zum Rallon RS Konzept
Nach Jahren auf dem Enduro-Bike bin ich jüngst wieder zum Downsizing auf ein 120mm-Tourenfully umgestiegen. Die Fitness hat einfach nicht mehr gereicht, um das Enduro mit Spaß artgerecht zu bewegen. Genau in diese Kerbe schlägt das Rallon RS. Mountainbiken lebt für mich von seiner Leichtigkeit, und moderne Enduros bringen das mit Gewichten über 15 Kilo nicht mehr rüber. Ein Konzept wie das Rallon RS könnte die komplexe und nervige Entscheidung zwischen den MTB-Kategorien für viele einfacher machen. Ob es massentauglich ist, muss ein Praxistest zeigen.






