Mountainbike der Zukunft?

Spannendes Konzept: Orbea Rallon RS

Was passiert, wenn man die Vielseitigkeit eines modernen Enduros mit dem Fahrgefühl eines Cross-Country-Bikes kombinieren will? Mit dem Rallon RS stellt Orbea kein klassisches E-MTB vor, sondern ein Konzeptbike, das genau diese Frage beleuchtet. Der Motor steht dabei nicht im Mittelpunkt, wie bei einem E-Bike – er ist vielmehr Mittel zum Zweck. Ziel ist es, das bekannte Mountainbike-Fahrerlebnis neu zu interpretieren.

Orbea Rallon R5
Sieht aus wie ein Bio-Bike und wiegt mit 17,2 Kilo nicht extrem viel mehr als ein modernes Enduro ohne Motor. Aber dank Mini-Motor will das Rallon RS bergauf fahren wie eine CC-Feile. Wir werfen einen Blick auf das spannende Konzept.

Der klassische Mountainbike-Markt ist klar segmentiert: Enduros stehen für maximale Abfahrtsperformance, Cross-Country-Bikes für Effizienz und Vortrieb. Mit zunehmendem Federweg geht fast immer ein Verlust an Spritzigkeit und Leichtigkeit einher. Die Schnittmenge im Einsatzbereich zwischen einem CC und einem Enduro-Bike geht gegen Null. Erst kürzlich hatten wir zu diesem Thema einen ausführlichen Konzeptvergleich. Genau diesen Zielkonflikt stellt Orbea mit dem Rallon RS infrage.

Die Basis bildet ein ausgewachsenes Enduro-Chassis mit viel Federweg und klarer Downhill-DNA. Gleichzeitig soll sich das Bike bergauf und im flachen Gelände so effizient und direkt anfühlen wie ein leichtes CC-Bike, wie z.B. das Orbea Oiz. Nicht durch Gewichtsersparnis um jeden Preis oder radikale Geometrien, sondern durch eine gezielte, minimale Unterstützung, die ausschließlich Nachteile kompensiert, nicht aber neue Fähigkeiten hinzufügt.

Orbea Oiz
Wir haben das Orbea Oiz mit 120 mm Federweg aufgrund seiner Leichtfüßigkeit im Dauertest 2025 lieben gelernt.
Orbea Rallon RS
Bikes wie das Occam LT machen bergab Spaß, aber man muss ein modernes Enduro auch mit etlichem Körpereinsatz zum Traileinstieg bringen. Das Rallon RS will den Rollwiderstand von Enduro-Reifen und das Mehrgewicht eines solchen Bikes gegenüber einem CC-Bike mit einem Minimotor ausgleichen.

Der Motor als unsichtbares Werkzeug – nicht als Charaktergeber

Entscheidend für das Konzept ist die Rolle des Motors. Orbea nutzt mit dem TQ HPR40 einen extrem leisen, kompakten und bewusst leistungsschwachen Antrieb. Mit 40 Nm Drehmoment und maximal 200 Watt Spitzenleistung bleibt die Unterstützung dezent – so dezent, dass sie das Fahrgefühl nicht prägt, sondern lediglich ergänzt.

Der Motor ersetzt keine Eigenleistung und eröffnet keine neuen Uphill-Dimensionen. Er gleicht lediglich das Mehrgewicht, den Federweg und den Rollwiderstand eines Enduro-Bikes aus. Orbeas Ziel: Ein Bike mit über 160 mm Federweg soll sich bergauf so anfühlen wie ein unmotorisiertes CC- oder Downcountry-Bike – nicht schneller, nicht leichter, sondern gleichwertig.

Damit rückt das Rallon RS näher an ein Bio-MTB-Konzept heran als an ein klassisches E-Bike.

Orbea Rallon R5
Bikes ohne Motor, wie das Orbea Oiz, leben vom Gefühl der Freiheit. Lässt sich dieses Gefühl auch mit einem Motor erleben?

Systemdenken statt Einzelkomponenten

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die konsequente Systemintegration. Fahrwerk, Motor, Variostütze und Bedienelemente sind nicht unabhängig voneinander, sondern kommunizieren permanent miteinander. Fahrzustand, Trittfrequenz, Geschwindigkeit und Sitzposition beeinflussen, wie das Bike reagiert – bergauf wie bergab.

Das Ziel ist kein automatisiertes Fahrgefühl, sondern ein vorhersehbares, stabiles und ruhiges Bike, das sich dem Fahrer anpasst, nicht umgekehrt. Als Fahrer soll man weniger denken müssen und sich nur aufs Fahren konzentrieren. Man kennt diese Argumentation vom RockShox Flight Attendant Fahrwerk, wo das Konzept perfekt aufgeht. Hier denkt man aber tatsächlich noch einen Schritt weiter. Gerade bergab soll sich das Rallon RS vollständig wie ein klassisches Enduro anfühlen – ohne motorbedingte Eingriffe, Geräusche oder Verzögerungen. Der Antrieb tritt hier bewusst in den Hintergrund.

Orbea Rallon R5
Maximale Vernetzung. Schaltung, Fahrwerk, Sattelstütze und Motor haben dieselbe Energiequelle und kommunizieren auch untereinander.
Orbea Rallon RS
Soll bergauf fahren wie ein Orbea Oiz aus dem XC World Cup. Die Rallon RS Theorie klingt verführerisch.

Ein Konzept-Bike für Bio-Biker?

Das Orbea Rallon RS will kein E-Bike sein, sondern die neue Interpretation eines klassischen Bikes. Es stellt die Frage, ob Leistung, Effizienz und Vielseitigkeit künftig ausschließlich über Muskelkraft, Gewicht und Geometrie definiert werden müssen. Wie nah die beiden Welten von E-Bike und Bio-Bike mittlerweile ohnehin schon beisammen liegen, zeigt auch unser Systemvergleich zweier zum Verwechseln ähnlicher Canyon Spectrals.

Orbea nutzt den Motor nicht, um das Mountainbiken zu verändern, sondern um es zu erhalten: lange Anstiege, technisches Gelände, echtes Feedback vom Trail – nur ohne die typischen Nachteile eines schweren, potenten Enduros. In diesem Sinne ist das Rallon RS weniger ein E-MTB als vielmehr ein experimenteller Zwischenschritt auf der Suche nach neuen Bike-Kategorien.

Orbea Rise LT
E-Bikes waren zumindest optisch auch vor dem Rallon RS schon schwer zu unterscheiden. Das linke dieser beiden Canyon Spectrals hat einen Motor.

Ausblick: Denkansatz mit Signalwirkung

Das Rallon RS wird zunächst nur in sehr kleiner Stückzahl produziert und ist klar als Studie zu verstehen. Entscheidend ist nicht das konkrete Bike, sondern die Idee dahinter. Die Erkenntnisse aus diesem Projekt könnten langfristig Einfluss auf zukünftige Bio-MTBs nehmen – etwa durch neue Ansätze bei Kinematik, Integration oder Effizienzdenken.

Ob sich dieser Weg durchsetzt, bleibt offen. Sicher ist jedoch: Orbea stellt mit dem Rallon RS nicht das E-MTB, sondern das Mountainbike an sich infrage. Und genau das macht dieses Konzept für Bio-Biker so spannend.

MTB Kategorien
Die Mountainbike-Kategorien von Enduro bis Cross Country sind Fluch und Segen. Zum einen sind Bikes für ihren Einsatzzweck so maximal effizient. Zum anderen braucht man eigentlich drei MTBs, um den Sport in all seinen Facetten auszuüben. Das will das Rallon RS unterbinden.

Ludwig Döhls persönliche Meinung zum Rallon RS Konzept

Nach Jahren auf dem Enduro-Bike bin ich jüngst wieder zum Downsizing auf ein 120mm-Tourenfully umgestiegen. Die Fitness hat einfach nicht mehr gereicht, um das Enduro mit Spaß artgerecht zu bewegen. Genau in diese Kerbe schlägt das Rallon RS. Mountainbiken lebt für mich von seiner Leichtigkeit, und moderne Enduros bringen das mit Gewichten über 15 Kilo nicht mehr rüber. Ein Konzept wie das Rallon RS könnte die komplexe und nervige Entscheidung zwischen den MTB-Kategorien für viele einfacher machen. Ob es massentauglich ist, muss ein Praxistest zeigen.

Meinung Ludwig Döhl
Unsere Meinung: Gerade für sportliche Fahrer ist das Konzept verführerisch. Wie man damit in einer Gruppe aus E-Bikern zurechtkommt, bleibt eine spannende Erfahrung, die wir in einem ausführlichen Test gerne machen würden.

Über den Autor

Ludwig Döhl

... hat mehr als 100.000 Kilometer im Sattel von über 1000 unterschiedlichen Mountainbikes verbracht. Die Quintessenz aus vielen Stunden auf dem Trail: Mountainbikes sind geil, wenn sie zu den persönlichen Vorlieben passen! Mit dieser Erkenntnis hat er bike-test.com gegründet, um Bikern zu helfen, ein ganz persönliches Traumbike zu finden.

Empfohlen für dich

Orbea Laufey im Test

Trail-Hardtails sind leicht, günstig und robust. Doch mit ihnen kauft man sich auch imm...

Das beste All Mountain 2024

Wir haben nicht nur die spannendsten 2024er All-Mountain-Bikes getestet, sondern auch e...

Kann man aktuell YT Bikes kaufen?

Der bayerische Bike-Hersteller YT Industries steckt aktuell in einem Sanierungsverfahre...

Was steckt hinter Part Scout?

Wir lieben Mountainbikes. Vor allem dann, wenn wir damit über den Trail düsen. Um mehr ...