Langzeittest: Orbea Oiz
Das Orbea Oiz stellt den Leitsatz „Früher war alles besser“ radikal in Frage und eröffnet im gleichen Zug eine ganze Reihe von Grundsatzdiskussionen. Je länger wir das Orbea Oiz im Dauertest fuhren, desto mehr öffnete es uns die Augen. Aber was ist die Quintessenz zum Orbea Oiz nach über 2000 Kilometern Dauertest?
„So etwas“ ist ein Mountainbike.
Das Orbea Oiz hat 120 mm Federweg, dicke 2,4er Reifen, eine Teleskopstütze und einen Lockouthebel, mit dem man das Bike komplett blockieren kann. Dieses Bike war unter dem Hintern von Simon Andreassen auf dem Podium des MTB-CC-Worldcups. Als Arbeitsgerät vom Speed Company Racing Team hat es sogar das legendäre Cape Epic in Südafrika gewonnen. Und dennoch scheint es für meinen Nachbarn am Campingplatz kein richtiges Mountainbike zu sein. Kein Shredder. Keine fahrende Spritze, die mit künstlichem Adrenalin aufgezogen ist. Wo zur Hölle klafft denn hier die enorme Differenz auf?
Wir hatten zuletzt in unserem Newsletter und auch in Maxi Dickerhoffs Beitrag „Ist das Mountainbike falsch abgebogen?“ schon ausführlich über die Entwicklung des Bikesports diskutiert. Und zur Klärung für alle, die sich ein Bike kaufen wollen, wird auch eine ausführliche Typberatung geliefert. Und wenn ich an all das, was ich während über 2000 km auf dem Oiz erlebt habe, nachdenke, muss ich ganz klar sagen: Das Orbea Oiz ist das Bike, das den Spirit tiefer in sich trägt als viele andere.
Denn die Kombination aus geringem Gewicht, aber dennoch passablen Abfahrtseigenschaften (klar, nicht so gut wie die des Evil Offering Enduros meines Campingnachbarn), eröffnet verdammt viele Möglichkeiten, den Spirit des Mountainbikens zu erleben.
2000 km später – was ging kaputt?
Bevor wir auf der philosophischen Ebene weitermachen, erst mal zu den Fakten. Nach unserem klassischen Test hatten wir das Orbea Oiz im Dauertest für die Saison behalten. Jedes Jahr hat ein anderes Bike diese Ehre. Das Rose PDQ vom letzten Sommer hat große Fußstapfen hinterlassen.
Nur ein exzellenter Einzeltest ist das Ticket für die Dauertestschleife. Denn wer fährt in seiner Freizeit schon gern auf zweitklassigem Material? Im Dauertest werfen wir dann auch einen Blick auf den Verschleiß und die Alltagstauglichkeit. Also kommen wir zum Punkt: Was ging kaputt, ist verschlissen oder hat genervt?
- Schaltwerk + Schaltauge: Fremdeinwirkung durch einen Stein hat das Shimano-XT-Schaltwerk samt dem UDH-Schaltauge in die Knie gezwungen. Wäre auch jedem anderen Bike passiert. Wäre aber mit Srams Eagle-Transmission-Schaltung nicht passiert. Der Hinterbau hat einen Lackplatzer bei der Aktion kassiert, den Belastungen aber standgehalten.
- Kassette und Kette: Beide sind vom Verschleiß gezeichnet. Bei der Kette ist es verständlich. Die optischen Verschleißspuren an der Kassette machen mich traurig. Nach nur 2000 km, spätestens bei 3000 km, werden hier ca. 150 € für Verschleißmaterial fällig.
- Lockout-Hebel: Plastiküberzug für Daumenhebel hat durch Klappergeräusch genervt, konnte aber einfach und ohne Kompromisse abmontiert und weggelassen werden. Die Haptik des Metallhebels war eh geiler.
- Reifen: Ich bin baff. Es ist Verschleiß am Hinterrad zu erkennen, aber er ist noch nicht tot. Übrigens: kein Platten in 2000 km!
- Bremsbeläge: Auch hier erstaunlich wenig Verschleiß. Die hinteren sind durch, was bei der Distanz okay ist. Das Rose PDQ hatte mit den SRAM-Level-Bremsen/-Belägen deutlich mehr Verschleiß.
- Laufräder: Mussten einmal nachzentriert werden, es hat aber nicht viel gefehlt. Oquo lässt hier offensichtlich einen hohen Qualitätsstandard beim Laufradbau anlegen.
Alles in allem ist der Verschleiß bis auf die arg abgenudelte Kassette im Rahmen dessen, was man beim Mountainbiken erwarten kann. Die Reifen halten erstaunlich lange.
Moment of Truth: Wie schlägt sich die Zugverlegung durch den Steuersatz?
Die Zugverlegung durch den Steuersatz ist schwer umstritten in der Szene. Und das Oiz strapaziert diese Zugführung maximal. Denn mit Sattelstütze, Dämpferlockout, Sattelstützenzug und Bremsleitung laufen insgesamt vier Kabel durch den Steuersatz. Die Optik ist schick, aber gab es auch Ärger?
Während des Tests hat sich der Steuersatz nicht öfter als normal üblich gelockert. Und auch keine einzige Leitung musste aufgrund einer Reibestelle oder schlechter Funktion getauscht werden. Klar: 2000 km sind keine 10.000 km, aber unsere ehrliche Erfahrung ist: Die Zugführung durch den Steuersatz hat schlicht keine Probleme gemacht. Die engen Radien und der Flaschenhals-Steuersatz machen nicht mehr Probleme als eine Zugführung durch den Hauptrahmen.
Ergonomie – hier mussten wir nachbessern
Kontaktpunkte zum Körper wurden im Laufe der Saison angepasst. Der ab Werk verbaute Fizik-Sattel hat schlichtweg nicht gepasst. Die XL-Griffe von SQ Lab boten etwas mehr Dämpfung. Hier mussten die originalen Bauteile weichen.
Gerne hätte ich auch noch einen 10-mm-längeren Vorbau probiert, aber durch die speziellen Spacer, die der Steuersatz braucht, ist hier nur ein formschlüssiger Orbea-Vorbau möglich. Und so einer lag nicht in unserer Werkstatt zum Schnell-mal-probieren rum. Deshalb kam es nie zum Versuch, die Sitzposition noch sportlicher zu gestalten. Ein Nachteil dieser speziellen Formgebung.
Vielseitiger geht's nicht
Mit 11,5 Kilo, schnell rollenden Reifen ist das Oiz ein Bike, das auch mal lange Schotterpassagen oder Teerabschnitte abkann, ohne dass man auf dem Sattel abkotzt. Vor allem, wenn man den Lockout komplett durchdrückt, hat man hier das Gefühl, wie mit einem Gravelbike Strecke zu machen. Genial.
Weil der Lockout auch eine Zwischenposition (also eine Plattform) hat und jederzeit per Daumen bedienbar ist, eröffnen sich damit auch weitere Möglichkeiten. Denn dadurch lässt sich das Fahrwerk im offenen Zustand etwas weicher abstimmen als normal bei einem Bike mit 120 mm Federweg.
Wenn maximaler Vortrieb gefragt ist, werden die Federelemente sowieso blockiert oder straff geschaltet. Im Trail hat man mit dem etwas weicheren Setup aber mehr Komfort und Kontrolle als mit einem normalen CC-Bike. Damit – und vor allem auch mit den dicken 2,4er Reifen – werden richtig technische Trails möglich. Bei angepasster Fahrweise kommt man mit dem Oiz fast überall runter.
Unser Tipp für jeden, der ein älteres Oiz oder ein Scott Spark hat: Der Lockout mit nur zwei statt drei Hebeln ist deutlich weniger überladen und lässt sich jederzeit nachrüsten.
Pro
- sehr guter Allrounder
- leicht, damit bereit für lange Touren
- Lockout-Hebel ist genial
- wenig Ärger
- keinerlei Elektronik, keinerlei leere Akkus
- Customisation ab Werk
Contra
- Shimano-Schaltung ist defektanfällig
- spezifische Spacer und Vorbauten
- Fizik-Sattel unbequem
Zurück zum Campingnachbarn
Für mich ist das Orbea Oiz das perfekte Puzzlestück in meiner Mountainbike-Wahrnehmung. Denn in den letzten 20 Jahren habe ich den Sport in all seinen Facetten kennengelernt. Erst war das Material so schlecht, dass man nicht vom Schotterweg abbiegen wollte.
Dann wurde das Material so gut, dass man immer waghalsigere Wege fahren (und erst mal anlegen) musste, um noch einen Kick in der Abfahrt zu bekommen. Sowohl die frühen Zeiten auf spartanischen Hardtails als auch die Enduro-Highlight-Zeit hatten starke Schattenseiten. Heute will ich nicht mehr mit einem Fuß im Krankenhaus stehen, wenn ich bergab fahre. Und ich will auch nicht nur an wenigen Orten dieser Welt den Bikesport ausüben können.
Und genau da macht das Oiz seinen Stich. Denn egal, ob auf Korsika, vor meiner Haustüre auf den Altmühltal-Urtrails oder in den Alpen – dieses Bike macht das Erlebnis Mountainbike überall möglich. Draufsteigen, losfahren, durchschnaufen. Dieses Bike braucht keine spezielle Infrastruktur, um sein Potenzial zu entfalten. Und „so etwas“, um es in den Worten des Campingnachbarn zu sagen, für mich ein geniales Bike.
Fazit zum Orbea Oiz-Dauertest
Das Orbea Oiz ist eines der vielseitigsten Bikes, die es gibt. Weil es nicht den absoluten Leichtbau in den Vordergrund stellt, knickt es auch auf raueren Trails nicht ein. Probleme über eine Saison: keine nennenswerten. Erkenntnis nach einer Saison: Wer sich traut, den Bikesport nicht nur über die Abfahrt zu definieren, der kann mit einem Bike wie dem Orbea Oiz weltweit verdammt viel Spaß haben. Das Oiz ist keine Rennfeile, die einen geißelt, sondern eine Erlebnismaschine für Biker.






