Bulls Wild Creed im Test
Das Bulls Wild Creed will klotzen, nicht kleckern. Statt Enduros immer schwerer und abfahrtslastiger zu bauen, geht Bulls mit einem leichten 170-mm-Bike seine eigenen Wege. Wird das mit Fahrspaß belohnt?
Der Hinterbau: 4-Link-Swingarm
Am Heck des Wild Creed fällt sofort die sehr tief positionierte Dämpferlage auf. Diese Bauweise senkt den Schwerpunkt und sorgt in der Praxis für ein sichereres Handling, vor allem in ruppigen Passagen und bei hoher Geschwindigkeit.
Bulls bezeichnet diese Konstruktion als 4-Link-Swingarm. Fahrwerksfreaks werden aber merken: In Wahrheit handelt es sich um einen Eingelenker mit einer ausgetüftelten Dämpferansteuerung. Die einteilige Hinterbauschwinge wird über eine Wippe und insgesamt vier Gelenkpunkte angesteuert und arbeitet dabei mit einem RockShox Vivid Coil Ultimate Stahlfederdämpfer zusammen. Das Ergebnis ist ein sensibles Ansprechverhalten und ein sehr sattes Fahrgefühl mit viel Kurvengrip. Auch das hippe Bike-Label Crossworx arbeitet mit einer vergleichbaren Konstruktion.
In der Praxis zeigt sich der Hinterbau sehr effizient. Man kann gut Druck aufs Pedal bringen, ohne dass sich der Hinterbau aufschaukelt wie eine Kamelkarawane, und kommt auch aus Kurven oder über Wellen zügig wieder auf Geschwindigkeit.
Geometrie und Größen
Ein Blick auf die Geometrie zeigt schnell, in welche Richtung Bulls das Wild Creed auslegt. Der steile Sitzwinkel von 78 Grad bringt den Fahrer in eine zentrale, effiziente Position und sorgt vor allem bergauf für gute Klettereigenschaften. Mit einem Lenkwinkel von 64,5 Grad bleibt das Bike modern, ohne dabei extrem in Richtung reiner Highspeed-Maschine zu gehen.
Der Reach von 480 Millimetern in Größe L liegt im heutigen Standardbereich. In Kombination mit den eher kurzen 440 Millimeter Kettenstreben und einem Radstand von 1.256 Millimetern ergibt sich ein insgesamt recht kompaktes Bike. Das verspricht ein agiles, verspieltes Handling auf dem Trail, statt maximaler Laufruhe bei sehr hohen Geschwindigkeiten. Bei einem Federweg von 170 mm haben viele andere Bikes eine Mulletbereifung mit kleinem 27,5-Zoll-Hinterrad. Bulls bleibt hier beim klassischen Setup mit einem 29er Hinter- und Vorderrad.
Erhältlich ist das Wild Creed in den Größen S bis XL. Insgesamt lesen sich die Geometriewerte eher wie die eines sportlichen Trailbikes mit starken Klettereigenschaften und weniger wie die eines kompromisslosen Highspeed-Enduros.
Leichter Rahmen = guter Kletterer?
Mit 170 Millimetern Federweg an der Front, stabilen Laufrädern und Reifen mit robuster Karkasse bringt das Wild Creed gerade einmal 15,3 Kilogramm auf die Waage. Für ein modernes Enduro ist das ein bemerkenswert guter Wert. Viele race-taugliche Enduro-Bikes anderer Hersteller liegen je nach Ausstattung eher zwischen 16 und 17 Kilogramm.
Am Berg macht sich das geringe Gewicht sofort positiv bemerkbar. In Kombination mit dem steilen Sitzwinkel lässt sich das Bike überraschend effizient treten, auch auf längeren Anstiegen. Der Hinterbau arbeitet ruhig und der Stahlfederdämpfer wippt dabei nur minimal.
Der Monocoque-Vollcarbonrahmen trägt seinen Teil zur Kletterfreude bei und verleiht dem Bike ein direktes, effizientes Fahrgefühl. Selbst wenn auf der Tour ein E-Biker dabei ist, muss mit dem Wild Creed bergauf nicht lange gewartet werden. Ein klarer Pluspunkt für ein Enduro dieser Federwegsklasse.
Wie fährt sich das Rad auf unseren Home-Trails?
Auf unseren Hometrails zeigt sich das Bulls Wild Creed als sehr effizientes und leichtfüßiges Bike. Das Fahrwerk aus RockShox ZEB Ultimate an der Front und dem Vivid Coil Ultimate Dämpfer am Heck überzeugt mit viel Sensibilität, guter Unterstützung im mittleren Federwegsbereich und reichlich Reserven, wenn es gröber wird.
Besonders positiv fällt der starke Kurvengrip auf. Das Bike lässt sich spielerisch von einer Kurve in die nächste drücken und animiert dazu, aktiv zu fahren und mit dem Trail zu arbeiten. Insgesamt fühlt sich das Wild Creed eher verspielt als träge an, und genau das macht auf verwinkelten Trails und flowigen Abschnitten viel Spaß.
Erst bei hohem Tempo auf ruppigen Trails wird das Bike etwas unruhig. Weniger positiv fallen zudem die innenverlegten Züge auf, die bergab hörbar klappern und auf längeren Abfahrten durchaus stören können. Auch die Kette schlägt in ruppigen Sektionen ab und zu gegen den Hinterbau und klappert dabei laut. Hier kann aber mit zusätzlichem Slappertape Abhilfe geschaffen werden.
Noch immer ein Racebike?
Lange Zeit war das Wild Creed das Racebike von Christian Textor und damit auf Wettkampfkurs. Auch in der aktuellen Version zeigt sich das Bike sehr effizient und trittwillig. Gleichzeitig lässt sich ein klarer Trend im Enduro-Segment beobachten: Statt immer stabiler werdender Bikes rücken immer häufiger effizientere, vielseitigere Bikes in den Fokus. Modelle wie das Specialized Stumpjumper oder ein Santa Cruz Hightower werden heute im Weltcup oft bevorzugt gegenüber reinrassigen Enduros wie dem Specialized Enduro oder dem Megatower.
Genau in diesen Bereich ist das Bulls Wild Creed zuhause. Vom Fahrcharakter her liegt es näher an einem Santa Cruz Hightower als an einem Megatower. Als Racebike kann es durchaus überzeugen, insbesondere auf technisch fordernden Strecken, bei denen Agilität und Effizienz wichtiger sind als reine Stabilität.
Als Privatfahrer wünscht man sich im Renneinsatz allerdings auch ein Bike, das wirklich alles wegsteckt. Durch das geringe Gewicht kommt bei sehr harten Bikepark- oder Renntagen gelegentlich das Gefühl auf, dass das Wild Creed eher filigran als kompromisslos ist.
Am wohlsten fühlt sich das Bike auf Hometrails und in heimischen Bikeparks wie dem Geisskopf. Für einen längeren, sehr intensiven Bikepark-Urlaub z.B. in Châtel würde man persönlich vermutlich zu einem noch robusteren Rad greifen. Wobei das Gefühl hier sehr subjektiv ist. Denn wirkliche Defekte hatten wir in unserem Test nicht zu bemängeln. Und robuster heißt zwangsläufig auch immer schwerer. Und das geringe Gewicht ist genau einer der Faktoren, die dem Wild Creed sein Spaßpotential bescheren.
Ausstattungsmöglichkeiten
Das Wild Creed ist in zwei Ausstattungsvarianten erhältlich. In unserem Test stand die Wild Creed Team-Version zum Preis von 5.499 Euro. Diese kommt mit einer hochwertigen RockShox ZEB Ultimate Federgabel sowie einem Vivid Coil Ultimate Stahlfederdämpfer. Für die Verzögerung und den Antrieb setzt Bulls auf bewährte Shimano-XT-Komponenten. Die Mavic Deemax sind Laufräder, klar auf harte Enduro-Einsätze ausgelegt.
Ein echter Hingucker und im Enduro-Segment eher ungewöhnlich ist das einteilige Bulls Rumble Ultimate Carbon One-Piece-Cockpit, das dem Bike einen sehr aufgeräumten Look verleiht. Dennoch Geschmackssache.
Daneben bietet Bulls eine zweite, etwas günstigere Variante für 3.999 Euro an. Hier kommen eine RockShox ZEB Select Gabel und ein Super Deluxe Select+ Dämpfer zum Einsatz. Geschaltet wird mit Shimano SLX. Die Laufräder stammen in diesem Fall aus dem Hause Bulls selbst.
Pro
- Fairer Preis für Top-Ausstattung
- 15 Kilo - gutes Gewicht für 170 mm Federweg
- sehr effizientes Treten
Contra
- Züge klappern
- Zugverlegung durch Steuersatz
Fazit
Das Bulls Wild Creed ist ein sehr effizientes Enduro, das sich problemlos für lange Tage im Wald und auf abwechslungsreichen Strecken eignet und auch den Toureneinsatz nicht scheut. Angesichts der hochwertigen Ausstattung ist der Preis fair. Für viele mag das Bike noch nicht auf dem Radar sein, dabei eigentlich völlig zu Unrecht. Wer ein Bike mit ausreichend Federweg sucht, aber dennoch kein schweres, träges Gerät bewegen möchte, findet im Wild Creed eine sehr ausgewogene und spaßige Wahl.






