"Nichts und alles!"
Das Intend Interview

Cornelius Kapfinger ist nicht nur Inhaber der Firma Intend, sondern auch der inoffizielle Papst der Custom-Szene. Will ein Komplettradhersteller mit besonders stylischen Bikes sein Markenimage aufpeppen, rufen die Produktmanager bei Kapfinger an und bestellen Teile. Wir haben mit dem Produzenten der exklusivsten Federgabeln der Welt über seine Sicht auf die Dinge gesprochen.

Cornelius Kapfinger im Interview
Cornelius Kapfinger hat gut lachen. Die Custom-Szene brummt und seine Firma Intend wächst. Doch das bereitet ihm auch Sorgen.

Die Intend-Zentrale in der Schwarzwaldstraße 1 leert sich schön langsam. Die Mitarbeiter rollen auf heißen Custom Mountainbikes aus der Firma. Die Trails rund um Freiburg wollen gefahren werden. Cornelius Kapfinger hilft noch, letzte Prototypenteile an die Bikes seiner Mitarbeiter zu schrauben und gibt Anweisungen, wie diese zu testen sind, dann geht er in den Keller und holt Bier. Mit einem Karton Feldbrau-Bier aus Frankreich sucht er sich seinen Weg durch Verpackungen, fertig gebaute Gabeln und Montageplätze. Der Raum, in dem gerade noch vier Mitarbeiter geschraubt haben, kann man getrost als Mischung aus Warenlager, Werkstatt und Büro bezeichnen. In Berlin würden sie, auch wegen der Konstruktionszeichnungen an der Wand, von einem Thinktank sprechen. Kapfinger holt zwei Hocker, öffnet die Biere und wirkt sichtlich zufrieden, als er sich den ersten Schluck gönnt. Die Anzahl der fertigen und halbfertigen Produkte oder auch einzelnen Bauteile im Raum lässt den Rückschluss zu, dass das Geschäft für Intend floriert.

Ludwig Döhl: Cornelius, du hast deine Firma jahrelang aus deinem Schlafzimmer in einer WG betrieben. Wie fühlt es sich an, jetzt eine Firmenzentrale und Mitarbeiter zu haben?

Cornelius Kapfinger: Ich habe ja versucht, die Ordnung aus meinem WG-Zimmer mit in diese neuen Gegebenheiten mitzunehmen, damit der Schock nicht allzu groß ausfällt (lacht). Spaß beiseite. Es fühlt sich großartig an, zu wachsen. Jede Gabel, die wir verkaufen, spiegelt ja irgendwie eine Wertschätzung aus der Szene wider. Aber mit dem Wachstum kommen auch einige Herausforderungen auf uns zu, die es in meinem WG-Zimmer noch nicht gab.

LD: Was ist für den inoffiziellen Papst der Custom Szene eine Herausforderung?

CK: Manchmal überrollen uns Bestellungen. Aktuell machen wir eine große Lieferung für einen chinesischen Händler fertig. Für uns als kleinen Betrieb ist das immer noch eine Herausforderung, alle Teile nach unseren Qualitätsansprüchen termingerecht zu bekommen. Mit der bestehenden Anzahl an Mitarbeitern ist es eine Herausforderung, alles irgendwie hinzubekommen, ohne dass Kunden auf einen Service oder Ersatzteil warten müssen. Unser Tagesgeschäft darf nicht offenbleiben. Das schuldig sind wir unseren Kunden.

Intend Freiburg
Werkstatt, Warenlager, Montagestraße. Wäre dieser Raum nicht in der Schwarzwaldstraße 1 in Freiburg, sondern in Berlin, würde man Thinktank dazu sagen.
Intend Werkstatt
Kapfinger räumt nicht auf, wenn jemand mit einer Kamera vorbeikommt. Das Bier hat er allerdings extra für uns weggeräumt.
Intend Edge-Dichtungen
Als Außenstehender kann man den Überblick in der Schwarzwaldstraße verlieren. Kapfinger und seine Crew wissen aber genau, wo welche Dichtung hingehört.

LD: Verkraftbare Wachstumsschmerzen, würde man meinen?

CK: Klar, ich will nicht jammern. Die Custom-Szene brummt nach wie vor. Andere Bereiche der Branche tun sich da ja gerade deutlich schwerer. Von Zeit zu Zeit frage ich mich aber auch, wie wir es schaffen können, diesen Kult um unsere Produkte weiter hochzuhalten. Man kann sich ja nicht ständig neu erfinden und neue Produkte am Fließband konstruieren.

LD: Federgabeln gibt es schon lange. Die bahnbrechenden Revolutionen in diesem Bereich sind selten geworden. Betrachtet man die Sache rein aus technischer, performanceorientierter Sicht, dann scheint es auch so, als sei das Ende der Fahnenstange schön langsam erreicht.

CK: Meinem Herz fällt es schwer, die Wahrheit auszusprechen, aber ja: so ist es. Aus technischer Sicht wird keine absolute Revolution im Bereich Fahrwerk mehr kommen, wenn man bei bestehenden Rohren, Gleitbuchsen und Dichtungen bleibt. Mal abgesehen davon, dass man versucht, die Sache zu elektrifizieren.

Aber wer will eigentlich all das Elektrozeug am Bike haben?

Cornelius Kapfinger – Intend

Die ganze Sache lässt sich ganz einfach runterbrechen: Ich als kleiner Custom-Hersteller kann Federgabeln bauen, die genauso gut funktionieren wie die von Fox oder Rock Shox. Klar ist deren Serienfertigung besser getaktet, aber auf dem Trail bleibt die Leistung mindestens ebenbürtig. Unser Produkt sieht dabei eben deutlich besser aus und wird hier in Freiburg von Hand gefertigt. Die Amis schwingen dafür die Marketingkeule voll durch.

Intend Edge Gabel
Fertige Gabeln werden mit Lieferschein versehen. Große Bestellungen bedeuten viel Arbeit. Jede Intend-Gabel wird zu 100 % von Hand zusammengebaut.
Intend Dämpfer
Alles klar?
Intend Werkstatt
Insgesamt gibt es sechs Arbeitsplätze in der Intend-Zentrale.

LD: Aktuell besteht deine Firma aus Ingenieuren und Mechanikern. Wird es Zeit, ins Marketing zu investieren?

CK: Ich glaube nicht. Wir wollen geile, einzigartige Produkte bauen.

Schicke High-End-Videos, Anzeigen in Hochglanzmagazinen oder nette Namen für Einstellknöpfe machen unsere Gabel nicht besser.

Cornelius Kapfinger – Intend

Ich bin der Meinung, wir können uns das sparen.

LD: Klingt nach viel Selbstbewusstsein.

CK: Ich würde eher sagen, nach stringentem Handeln. Unser Marketing steckt im Produkt. Die Optik, die Story dahinter, die Produktionsweise sind einmalig. Wir brauchen keine überteuerten Hochglanzvideoclips, um das zu transportieren. Und wir sind auch nicht im Zugzwang wie die großen Hersteller. Schau dich um, das ist unser komplettes Lager. Wir müssen nicht Tausende von Produkten an den Mann bringen, damit wir wirtschaftlich arbeiten können.

Intend Lager
Intend fertigt in Kleinserien. Das Lager für die Einzelteile der Federgabeln ist überschaubar.
Für große Bestellungen wird in der Intend-Zentrale auch mal eine Kleinserienfertigung aufgebaut.
Intend Gabelkronen
Teile wie die Gabelkronen werden in Deutschland gefräst und in Freiburg zur fertigen Federgabel montiert.

LD: Aber ihr könntet mehr verkaufen. Du hast letztens die erste Intend-Bremse vorgestellt. Im Webshop ist sie bereits ausverkauft.

CK: Das war krass. Wir haben die Bremse online gestellt und nach 4 Minuten waren die 100 produzierten Stück ausverkauft. Vielleicht hätten wir in 8 Minuten doppelt so viele Bremsen verkauft. Aber im Endeffekt wird die einzelne Bremse dadurch nicht besser. Unser Ziel ist es, unsere Kunden glücklich zu machen. Wenn wir die Produktion schnell hochschrauben, ist es völlig normal, dass eine oder vielleicht zwei Bremsen mit kleinen Macken aus der Produktion rausgehen. Wir reden hier von 0,5 -1 % Problemfällen. Das ist quasi nichts. Und für den einzelnen Kunden ist es dennoch alles. Dieses eine Produkt, das er von uns kauft, macht dann ein Problem. Und das wollen wir nicht. Da beißt sich der Hund in den Schwanz: Unsere Produkte sind unser Marketing. Und das funktioniert nur bei maximaler Qualität.

LD: Aus deiner Sicht kann man das also so zusammenfassen: Übermäßiges Marketing schraubt die Kosten in die Höhe. Höhere Kosten müssen durch mehr Absatz kompensiert werden. Mehr Absatz verlangt nach größeren Warenlagern und Produktionsstraßen und erhöht zudem das Fehlerrisiko an den Produkten. Ein Teufelskreis, wenn man so will.

CK: Ich bin Kapitalist. Und mit der Kapitalistenbrille auf dem Kopf kann man dem natürlich nicht zustimmen. Mehr Umsatz bei professioneller Fertigung führt wahrscheinlich schon zu mehr Profit. Das würde ich jetzt erstmal nicht als Teufelskreis bezeichnen. Die Gleichung würde mit Sicherheit aufgehen, wenn wir Brot, also ein absolut nötiges Produkt, produzieren würden. Wir bauen aber High-End-Fahrradteile. Niemand verhungert, wenn wir aufhören, die zu bauen. Unsere Produkte kauft auch niemand, weil er damit überleben muss. Unsere Produkte kauft man, weil man sie schön findet, weil man das Geld über hat und weil man sich von anderen abheben will. Wenn du versuchst, marktwirtschaftliche Gesetze auf die Custom-Bike-Szene umzulegen, bin ich mir sicher, wird ein Teufelskreis daraus.

Wer sich eine Federgabel für 1500 € und mehr kauft, der handelt nicht aus Vernunft.

Cornelius Kapfinger – Intend

Und der lässt sich nicht in solchen Gesetzen abbilden. Und deshalb müssen wir als kleiner Hersteller unseren eigenen Weg im Marketing finden.

Cornelius Kapfinger Intend
Cornelius Kapfinger hat Intend in seinem WG-Zimmer gestartet und sich mit exklusiven Produkten zum inoffiziellen Gott der Tuningszene hinaufgearbeitet.
Dust Bike Shop
In dust we trust. Kapfinger liebt es, sich auch selbst aufs Bike zu schwingen.
Kapfinger Intend
Hier schraubt der Chef noch selbst. Kapfinger hat den Bauplan aller seiner Produkte im Kopf.

Und wie schaut der aus?

Hochglanz, Perfektion und maximalen Wumms, das machen die Amis. Wir müssen einfach unsere Geschichte erzählen und dabei ehrlich bleiben. Ich will mir den Charme, der in diesem Raum hier drin steckt, erhalten. Deshalb räume ich auch nicht auf, wenn jemand mit der Kamera vorbeikommt (lacht). Ich finde es geil, wenn die Leute, die hier arbeiten, am Abend mit unseren Teilen über die Trails fahren. Und ich liebe es, von der Konstruktion über die Produktion bis hin zum Verkauf in jedem Prozessschritt involviert zu sein. Ein Teil unseres Marketings liegt also im Versprechen an unsere Kunden, dass wir so bleiben, wie wir sind.

Wir freuen uns auf die Zukunft. Danke fürs Interview, Cornelius.

Über den Autor

Ludwig

... hat mehr als 100.000 Kilometer im Sattel von über 1000 unterschiedlichen Mountainbikes verbracht. Die Quintessenz aus vielen Stunden auf dem Trail: Mountainbikes sind geil, wenn sie zu den persönlichen Vorlieben passen! Mit dieser Erkenntnis hat er bike-test.com gegründet, um Bikern zu helfen, ein ganz persönliches Traumbike zu finden.

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