Canyon Neuron 2023 – der Mountainbike-Klassiker bekommt ein neues Gewand
Canyon verordnet seiner kompletten Neuron-Plattform eine Frischzellenkur. Wir haben die spannendsten Bikes des 2023er Lineups nicht nur getestet, sondern vergleichen auch die Alu- gegen die Carbon-Version und grenzen das Bike zum Spectral 125 ab.
Das Canyon Neuron ist der VW Golf der Bike-Branche. Denn es zählt zu den meistverkauften All Mountains weltweit. Der Vorgänger war seit 2019 unverändert auf dem Markt. Nach vier Jahren spendieren die Koblenzer ihrem Kassenschlager einen neuen Rahmen. Der Zeitpunkt der Neuauflage überrascht nicht. Für offene Münder bei der Präsentation in Spanien sorgte ein ganz anderer Fakt. Canyon gilt als einer der innovativsten Hersteller der Branche. Das Ausloten des technisch Machbaren und das Setzen neuer Entwicklungs-Duftmarken gehört bei Canyon zum Image wie die Fahrradkartons zum Direktversand. Wer mit diesem Gedanken im Hinterkopf auf das neue Neuron blickt, der wird stutzig. Denn die offensichtliche Evolution, die in der Vergangenheit für das Image von Canyon gesorgt hat, wird auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Und das stellt eine gewaltige Frage in den Raum. Ist die Bike-Branche am Zenit ihrer Entwicklung angekommen?
Was ist neu am Canyon Neuron 2023 (Version M118 & M119)
Ganz ohne Evolution kommt das Canyon-Neuron natürlich nicht aus. Design, Zugverlegung und Geometrie bekommen 2023 ein Update. Der beliebte formschlüssige Kabelschacht des Carbon-Vorgängers am Unterrohr weicht einer aktuellen internen Zugverlegung durch den Steuersatz. Die konstruktiven und optischen Vorteile überwiegen hier dem Argument der einfacheren Wartung. Das aktuelle Alumodell hat eine ganz klassische Zugführung, ohne die Leitungen durch das Steuerrohr zu leiten. Ganz offensichtlich neu ist außerdem die Typenbezeichnung, die Canyon mit der Neuron-Palette 2023 einführt. Wie in der Automobilindustrie versucht Canyon mit den Kürzeln M118 & M 119 dem Kunden klarer zu machen, um welche Modellreihe es sich handelt. Alle Aluminiumneurons haben die Modellkennzeichnung M118. Die Carbon-Plattform wird mit dem Kürzel M119 gekennzeichnet. Vor allem wenn diese Bikes später in den Gebrauchtmarkt fließen, aber auch bei Service- oder Ersatzteilfragen hilft dieses Detail in der Kommunikation erheblich.
Auch 2023 rollt das Neuron erst ab der Rahmengröße M auf 29er Laufräder
Unangetastet dagegen bleibt die Strategie bei den Laufrädern. Ab der Größe M wächst der Laufraddurchmesser auf das standsgemäße 29er-Maß. Die Rahmengrößen XS & S rollen dagegen auf 27,5 Zoll Reifen. Die größenabhängige Laufradwahl macht in unseren Augen definitiv Sinn und zeigt, dass Canyon seinem Ansatz, passende Bikes für jeden Menschen zu bauen, treu bleibt. Auch wenn das in der Lieferkette und Teilebeschaffung die Komplexität und damit die Kosten deutlich erhöht. Es macht einfach Sinn, kleine Menschen mit kleineren Laufrädern auszustatten. Übrigens einen detaillierten Artikel zum Thema korrekte Rahmengröße findet ihr hier.
Die Hinterbaukinematik des Canyon-Neurons – never change a running system
Was sich im Vergleich zum Vorgänger nicht geändert hat, ist das geschraubte BSA-Tretlager und die Hinterbaukinematik. Und auch wenn es in der Bike-Branche fast schon ein Risiko ist, etwas nicht zu ändern, muss man Canyon zu dieser Entscheidung gratulieren. Denn ein prägendes Merkmal der alten Neuron-Serie war der erstklassige Hinterbau. Antriebsneutral, sensibel und mit genügend Reserven für größere Schläge. Drehpunkte und Dämpferaufhängung bleiben unverändert zum Vorgänger. Auf dem Trail fühlt es sich an, als hätte das Neuron mehr als seine nominellen 130 Millimeter Federweg.
In den letzten Jahren entwickelten sich die Gewichte in der Branche ganz klar in eine Richtung. Canyon ist sich des realen Einsatzbereichs von so einem Tourenfully anscheinend bewusst und hat in der Neuentwicklung penibel auf das Gewicht geachtet. Das Neuron 7 kostet 2700 € und wiegt 14,4 Kilo inklusive Pedale, Schläuchen in den Reifen und Flaschenhaltern. Ohne Pedale und Flaschenhalter haben wir es in Größe M mit 13,9 Kilo gewogen. Das kann sich sehen lassen für ein Alu-Bike dieser Preisklasse. Der Alurahmen kommt mit Steckachse und Sattelklemme auf 3060 Gramm. Laut Canyon wiegt der Carbonrahmen satte 600 Gramm weniger. Das Carbon-Topmodell unterschreitet laut Hersteller die 13 Kilo-Marke. Und diese Werte dürften den Knoten der Frustration bei alt eingesessenen Bikern auflösen. Was sich zuletzt bei den neuen Cube Stereo One Modellen abgezeichnet hat, bestätigt sich nun: Die Spitze der Gewichtsentwicklung ist überschritten.
Tretlager: BSA (geschraubt)
Laufradgröße: XS & S – 27,5 Zoll ; ab M – 29 Zoll
Einbaumaß Hinterrad: 12×148
Sattelklemme: 35 mm
Sattelstütze: 30,9 mm
Leitungsführung: integriert, durch den Steuersatz (beim Carbon); durch das Unterrohr (beim Alu)
Gewicht Carbon Rahmen 2400 Gramm (ohne Dämpfer)
Gewicht Alu Rahmen 3060 Gramm (ohne Dämpfer)
Flaschenhalter Ab Größe M Platz für 2 Stück
Besonderheit Anschraubmöglichkeit für ein Storage Päckchen
Kletterstark – Das Neuron bleibt seinem Charakter treu
Wir sind verschiedene Neuron Modelle über 8000 Höhenmeter bergauf gefahren. Sowohl im technischen Gelände als auch auf einfachen Schotterpisten. Und hier kommt die Geometrie des Neurons gut zum Vorschein. Denn in der neuesten Version nimmt man eine minimal sportlichere Haltung im Sattel ein als beim Vorgänger. Der steilere Sitzwinkel lässt einem in steilen Anstiegen noch effizienter klettern. Allerdings beweist Canyon hier Fingerspitzengefühl und driftet bei der Sitzposition nicht ins extrem Sportliche ab. Die aktuelle Haltung im Sattel passt in unseren Augen perfekt zum Einsatz als Tourenfahrrad. Der effiziente Hinterbau, das niedrige Gewicht und der gut rollende Wicked Will Hinterreifen machen selbst lange Alpenanstiege oder Höhenmeter bespickte Touren im Mittelgebirge problemlos möglich. Wenn man die Flaschenhalter richtig anschraubt, passen ab der Rahmengröße M sogar zwei Trinkflaschen in das Rahmendreieck. Auch das zahlt sich auf den Tourencharakter des Bikes ein.
Unser Uphill Zwischenfazit nach einem Mal Mount Everest mit dem Carbon- und Alumodell: Das Neuron behält auch in der neuesten Version seine Kletterstärke. Und genau das war auch immer ein Grund, warum das alte Modell so erfolgreich war.
So fährt das Canyon-Neuron mit seiner neuen Geometrie bergab
Mit unserer Vergleichsmöglichkeit auf bike-test.com wird eindeutig ersichtlich, dass die größte Veränderung beim aktuellen Neuron in der Geometrie liegt. Denn im Vergleich sieht man nicht nur, dass sich der Geometrie-Score zum Vorgänger verbessert hat. Man kann sogar die einzelnen Daten von Vorgängern und Nachfolgern miteinander vergleichen. Und das Ganze geht sogar größenunabhängig. Zwei Sachen sind dabei sehr auffällig: Der Lenkwinkel wird flacher, der Reach deutlich länger. Im Sitzen fühlt sich das Bike ähnlich, aber dennoch minimal sportlicher an wie der Vorgänger. Aber sobald man den Sattel versenkt und im Stand über die Trails rollt, wird der Unterschied eindeutig. Denn das Handling auf dem Trail ist erwachsener geworden. Vor allem auf alpinen Trails entpuppte sich der längere Reach- und Radstand vom neuen Neuron als Vertrauensfaktor, wenn es im groben Gelände mal schneller wird. In steilen Trailabschnitten lässt einen der angewachsene Stack des neuen Models sehr souverän hinter dem Lenker stehen. Canyon haucht dem Bike damit neue Abfahrtsqualitäten ein, die der Vorgänger noch nicht hatte, ohne dabei ins Extreme abzudriften.
Wo liegt der Unterschied zwischen Canyon Neuron und Spectral 125?
Wenn man mal ganz ehrlich sein darf: Canyon macht es an dieser Stelle seinen Kunden nicht leicht. Denn wer die Wahl hat, hat die Qual. Neuron und Spectral 125 haben exakt den gleichen Federweg an der Gabel, zielen aber auf völlig unterschiedliche Zielgruppen. Bei gleichem Federweg steckt im Spectral 125 nämlich meist eine 36er-Gabel, wohingegen das Neuron auf 34 Standrohre setzt. Die dickere Gabel am Spectral ist deutlich steifer und damit auch bereit für eine gröbere Gangart im Downhill. Der flachere Lenkwinkel und das gröbere Reifenprofil des Spectrals schlagen in exakt die gleiche Kerbe wie die Federgabel. Auch bei der Hinterbaukinematik kommt im direkten Vergleich raus, dass das Spectral 125 deutlich progressiver arbeitet. Beim gleichen Preis wird das Spectral 125 auch immer etwas schwerer ausfallen. Kurzum: Wer newschool mäßig shredden, skippen, fliken will, für den ist das Spectral 125 eine gute Option. Wer das Thema Mountainbiken ganzheitlicher sieht und auf langen Touren gerne Singletrails genießt, der wird mit dem Neuron glücklicher. Für das Spectral ist der Uphill lediglich ein Pflichtpunkt, das Neuron sieht ihn als Teil des großen Ganzen und nicht als lästig an. Mit dem Cube Stereo One 44 aus diesem Artikel kommt der größere Konkurrent tatsächlich nicht aus den eigenen Reihen.
Wie gewohnt liefern wir nicht nur tiefgründige Einblicke in die Details. Im Gegensatz zu allen anderen Medien erlaubt es unser innovatives und absolut objektives Testsystem euch Informationen zur kompletten Modellfamilie zu liefern. Der preisliche Einstieg bei den Neurons liegt bei 1899 € und damit auf demselben Niveau wie das Rockrider AM 100 S von Decatlon. Wer noch billiger über knackige Trails fahren will, der landet zwangsläufig bei einem Trailhardtail wie zum Beispiel dem Rose Bonero.
Ab 3000 € bekommt man bei Canyon bereits einen Carbonrahmen. Damit unterbieten die Koblenzer Direktversender ihren stärksten Rivalen Cube um 300 €. Inklusive der Damenversion gibt es 5 Modellvarianten aus Carbon, die sich im Preis um jeweils 1000 € unterscheiden.
Canyon macht mit der Neuauflage des Neurons eine Gratwanderung. Die Koblenzer erhalten so viele Elemente wie möglich vom Vorgänger. Die Änderungen, die es in das neue Bike geschafft haben, verbessern das Fahrgefühl aber deutlich. Allem voran ist hier die neue Geometrie zu erwähnen. Auch die neuste Neuron-Generation bleibt den bei den Vorgängern so beliebten Werten treu: Das Bike stellt die Tourentauglichkeit über alles und ist der perfekte Begleiter für Alpenüberquerungen oder ausgedehnte Touren im Mittelgebirge. Die Abgrenzung zum Spectral 125 bleibt damit erhalten. Und auch dem schärfsten Konkurrenten Cube tritt man selbstbewusst gegenüber. Denn preislich sind viele Canyon-Modelle günstiger als die der Fachhandelsmarke Cube.
... hat mehr als 100.000 Kilometer im Sattel von über 1000 unterschiedlichen Mountainbikes verbracht. Die Quintessenz aus vielen Stunden auf dem Trail: Mountainbikes sind geil, wenn sie zu den persönlichen Vorlieben passen! Mit dieser Erkenntnis hat er bike-test.com gegründet, um Bikern zu helfen, ein ganz persönliches Traumbike zu finden.
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