Der Große 32 Zoll MTB Test
Wir haben das fahrfertige 32-Zoll-Hardtail gegen den 29er-Standard antreten lassen – mit Lichtschranken, Wattmessung und Beschleunigungssensoren. Das Ergebnis fiel eindeutig aus und hat uns dennoch überrascht.
So viel Mehrgewicht bringt 32 Zoll
Wir haben unsere Testbikes nicht nur komplett, sondern auch die relevanten Einzelteile gewogen. Bei den ermittelten Werten muss klar sein, dass es sich hier um den absoluten High End Cross Country Bereich handelt. Selbst im 32 Zoll Setup bleibt das hardtail deshalb mit unter 9,5 Kilo super leicht. Zum Vergleich: Das Orbea Oiz, das als Seitblick mitläuft, wiegt trotz sehr wertiger Ausstattung 2 Kilo mehr.
Erstaunt hat uns, dass der Reifen in 32 Zoll nur 30 Gramm mehr wog als das 29 Zoll Pendant mit gleicher Breite, gleicher Karkasse und gleichem Profil. Rechnerisch müsste das Mehrgewicht größer ausfallen. Ob es sich bei dem niedrigen Gewicht um Serienstreuung oder um eine bewusste Konstruktion von maxxis handelt, können wir nicht sagen. Wir haben nur ein Reifenpaar exemplarisch gewogen.
| 29 Zoll (Bike Ahead) | 32 Zoll (Bike Ahead) | Differenz | |
| Gewicht Laufradsatz (fahrfertig) | 3,58 kg | 4,02 kg | + 440 g |
| Reifengewicht (Maxxis Aspen) | 800 g | 830 g | + 30 g |
| Rahmen (Bike Ahead The Frame) | 820 g | 985 g | + 165 g* |
| Mehrgewicht Gabel | 1470 g | 1545 g | + 75 g* |
| Gesamtgewicht Bike (Gr. L) | ca. 8,8 kg | 9,5 kg | + 700 g |
*In unserem Testaufbau sind Rahmen und Gabelgewicht identisch geblieben, da wir nur die Laufräder getauscht haben, was in der Praxis natürlich nicht passiert, da man sich für ein komplettes Bike entscheidet.
Trägheit: Der Mythos der schweren Beschleunigung
Das Hauptargument gegen größere Laufräder ist stets die rotierende Masse. Höhere Trägheit gleich schlechterer Antritt – so die gängige Theorie. Wir haben dies auf einem eigenen Rotations-Prüfstand validiert. Ein Gewicht an einem Faden setzt dabei eine Welle in Bewegung, an der wiederum das zu messende Laufrad hängt.
Über die Zeit, welche das Gewicht zum Abrollen braucht, lässt sich mit einer physikalischen Formel die Trägheit ermitteln. Der Versuchsaufbau ist auch unter diesem Link nochmals im Abschnitt 2.2 beschrieben. Die Zeitmessungen wurden mit einer Lichtschranke zu 100 % vergleichbar durchgeführt.
Messwerte vs. gefühlte Realität
Die nackten Zahlen bestätigen zunächst die Skeptiker: Ein 32-Zoll-Laufrad weist ein um 33 % höheres Trägheitsmoment auf (0,16 vs. 0,12 kgm²). Um ein 29-Zoll-Rad auf die gleiche Trägheit wie das 32-Zoll-Laufrad zu bringen, mussten wir zur Veranschaulichung 355 Gramm Zusatzgewicht am Felgenring anbringen. Doch die reine Trägheit ist nur die halbe Wahrheit.
| 29 Zoll (Bike Ahead) | 32 Zoll (Bike Ahead) | Differenz | |
| Trägheitsmoment | 0,12 kgm² | 0,16 kg·m² | + 33 % |
Die Physik der Winkelgeschwindigkeit
Der entscheidende Denkfehler vieler Betrachtungen liegt im Ignorieren der Abrollstrecke. Ein 32er-Rad dreht sich bei gleicher Fahrgeschwindigkeit langsamer als ein 29er. Betrachtet man die physikalische Formel für die Beschleunigung eines Laufrads in Vorwärtsbewegung, kürzt sich der Radius sogar aus dieser Formel heraus. Berücksichtigt man diesen Umstand in der Energiebilanz, schrumpft der rechnerische Nachteil beim Beschleunigen deutlich:
- Der reale Mehrbedarf an Rotationsenergie liegt in unserem Beispiel bei lediglich ca. 10 % und ist nur auf das Mehrgewicht der größeren Laufräder zurückzuführen, nicht auf deren größeren Umfang.
- In einem Sprint von 0 auf 30 km/h bedeutet das einen Leistungsmehrbedarf von gerade einmal 0,6 Watt für die Rotation.
- Inklusive des Systemmehrgewichts (+700 g) landen wir bei ca. 3 Watt Mehrbedarf bei einem 400-Watt-Antritt.
Zwischenfazit zur Trägheit:
Die größeren Laufräder sind träger, das bestreitet niemand. Aber weil sie sich aufgrund ihres größeren Umfangs auch weniger schnell drehen müssen, bei gleicher Fahrgeschwindigkeit also eine deutlich geringere Winkelgeschwindigkeit haben, hebt sich der Effekt weitestgehend auf. Was den Antritt dann noch träger macht, ist lediglich das Mehrgewicht, das man mit dem größeren Laufrad mit sich bringt. Der Effekt ist aber weit weniger groß, als man das erwarten würde. Zumindest im Highend-Bereich.
Komfort & Erschütterung & Speed: Das Überrollverhalten
Größere Räder haben einen flacheren Überrollwinkel bei Hindernissen. Daraus resultieren theoretisch geringere Kräfte bzw. Belastungen für den Fahrer, wenn man z.B. über Wurzeln fährt. Um zu messen, wie groß dieser Effekt wirklich ausfällt, haben wir eine normierte Wurzelpassage mit Beschleunigungssensoren (Phyphox-Messung am Oberrohr) analysiert.
Wir sind mit jedem bike 10-mal über die Testsektion gefahren und haben für unsere Aussagen immer die Mittelwerte unserer Testreihen ermittelt.
Reduktion der Belastungsspitzen
Die Auswertung der Testreihen mit den Hardtails zeigt, dass das 32-Zoll-Rad Erschütterungen besser filtert. Der theoretische Effekt ist in der Praxis messbar. Für eine solide Auswertung der Daten haben wir uns nicht nur die absolute Schlaghärte, sondern auch die Summe der Gesamtschläge über den Testzeitraum und die Varianz der Schläge angeschaut.
Während die maximalen Schlag-Peaks mit dem 32 Zoll Bike nur um 2 % gegenüber dem 29er Hardtail sanken, reduzierte sich die Gesamtsumme der Erschütterungen um 5 % deutlicher. Über die Dauer einer kompletten Ausfahrt dürfte der Oberkörper weniger ermüden. Auch die Varianz der Messwerte sinkt um 2% mit den größeren Laufrädern.
Dieser Wert gibt an, wie sehr die Messwerte von einem ins andere Extrem schwanken. Ein höherer Varianz-Wert bedeutet automatisch viel Unruhe im Fahrwerk und damit eine etwas unkontrollierte Fahrt. Das 32 Zoll Bike liegt also ruhiger, was daran liegt, dass es weniger tief in Löcher zwischen den Wurzeln „fällt“ und einen geringeren Überrollwinkel als ein 29er hat.
32" Hardtail vs. 29" Race-Fully
Die Werte der beiden Hardtail im Vergleich fallen eindeutig aus. Das 32 Zoll Hardtail ist komfortabler und kontrollierter. Die Folgefrage drängt sich da förmlich auch: Kann das große Laufrad ein Fully-Fahrwerk ersetzen? Wir haben deshalb den selben Testaufbau auch mit dem Orbea Oiz durchgezogen und die Daten sagen ganz klar: Nein.
Ein modernes 120-mm-Fully (Orbea Oiz) spielt in einer anderen Liga:
- Maximale Schläge: 11 % geringer als beim 32" Hardtail.
- Gesamtbelastung: 14 % niedriger als beim 32"-Hardtail.
- Varianz (Laufruhe): 25 % niedriger als beim 32"-Hardtail. Das Fully ist spürbar kontrollierter.
Überraschung bei der Zeitmessung
Obwohl ein 32-Zoll-Hardtail beim Komfort nicht mit der Kinematik eines Fullys mithalten kann, lieferte die Lichtschranke im selben Versuchsaufbau ein unerwartetes Ergebnis: Über 30 Messreihen hinweg war das 32er-Hardtail das schnellste Bike im Test – es schlug das 29er-Fully um 3 % und das klassische 29er-Hardtail sogar um 4 %. Das beweist, dass Komfort und Geschwindigkeit auf ruppigem Untergrund nicht zwangsläufig dasselbe sind.
Dieser Sieg bedeutet jedoch keinen generellen Hardtail-Vorteil, sondern ist primär auf das überlegene Überrollverhalten der riesigen Laufräder zurückzuführen. Da das 32-Zoll-Rad Hindernisse in einem flacheren Winkel trifft und weniger tief in Lücken einsinkt, behält es seinen Schwung besser bei. Während beim Fully die Federung arbeitet, nutzt das 32er schlicht seine größeren Laufräder, um den Speed auf dieser spezifischen Passage effizienter zu konservieren.
Praxistest: Zeitmessung auf dem Trail-Rundkurs
Grau ist alle Theorie – entscheidend ist die Praxis auf dem Trail. Auf einem 1,5 km langen Rundkurs mit fünf Sektoren (Uphill, Flow-Downhill, Schotter, Wurzeln, Tech-Singletrail) traten die beiden Laufradkonzepte gegeneinander an.
Um beim Praxistest keine Äpfel mit Birnen zu vergleichen, haben wir im Uphill und auf Flachpassagen über Wattmesspedale kontrolliert, dass der Input konstant bleibt. In der Abfahrt gab es im Gegenzug für die Testfahrer eine Regel: Nur rollen, nicht treten. So wird der Unterschied zwischen den Laufrädern vergleichbar und nicht der Unterschied in der Inputleistung der Testfahrer.
Überraschung am Berg
Trotz des Mehrgewichts von 440 Gramm an den Laufrädern konnten wir im Anstieg keinen Zeitnachteil für 32 Zoll messen. Die Wattwerte und Zeiten waren bei zwei Testfahrern in 6 Runden identisch zum 29er-Setup. Offenbar kompensieren die bessere Traktion und das ruhigere Überrollen auf Waldboden die höhere Masse. Das Fully war mit über 2 Kilo mehr in diesem Testabschnitt mit 65 Höhenmetern messbar langsamer.
Ähnlich fällt das Ergebnis im flowigen Downhill ohne Wurzeln und auf Schotter aus. Die Tendenz hängt in diesen Abschnitten nur so minimal in Richtung 32 Zoll, dass man hier nicht von einer klaren Sache sprechen könnte. Anders sieht die Sache aus, sobald Wurzeln ins Spiel kommen.
Performance in technischen Sektionen
In wurzeligen und technischen Sektoren spielte das 32-Zoll-Bike seine Stärken voll aus, was sich auch in der Zeitmessung ganz klar widerspiegelt.
- Wurzelteppich: Reproduzierbarer Zeitvorteil von ca. 3 % (1 Sekunde auf 30 Sekunden Sektionszeit).
- Technischer Singletrail: Das 32er war hier 2 bis 3 Sekunden schneller als das identische 29er Hardtail.
- Grenzbereich: Das Ausbrechen der Reifen kündigt sich sanfter an, die Kontrolle bei Kompressionen ist spürbar höher (weniger Durchschläge an der Gabel).
In den Abschnitten mit Wurzeln war das 32 Zoll Hardtail nicht ganz, aber fast auf Augenhöhe mit dem Vergleichs-Fully.
Unterm Strich gab es in unserem Praxistest keinen einzigen Sektor, wo das 32 Zoll Bike einen messbaren Nachteil hatte. Aber in den Sektoren, wo Wurzeln im Spiel waren, war ein zeitlicher Vorteil gegenüber den 29 Zoll Bike eindeutig, aber nicht in einer bahnbrechenden Größenordnung.
Vorteile von 32-Zoll-Laufrädern
- besseres Überrollverhalten
- Höhere Effizienz auf unebenem Grund
- subjektiv sichereres Fahrgefühl
Nachteile von 32 Zoll Laufrädern
- Systemgewicht (ca. 600–800 g schwerer)
- höhere Trägheit (physikalisch messbar, aber auf dem Trail kaum spürbar)
- Herausforderungen bei der Rahmengeometrie für kleine Fahrer
Fazit: Für wen lohnt sich der Umstieg?
32 Zoll ist kein Marketing-Gag, sondern bietet reale physikalische Vorteile, die sich vor allem in technischem Gelände in Geschwindigkeit übersetzen lassen. Die Vorteile sind real und messbar, aber nicht brachial. In spezifischen Sektionen sprechen wir von 2-3 % Zeitersparnis. In anderen Sektionen lag es mit dem 29er gleich auf. Für Racer dürfte die Sache damit klar sein. Für Hobbybiker ist der Unterschied womöglich zu gering, um sich deshalb ein neues Bike zu kaufen. Unser Test zeigt auch: Ein Fully lässt sich mit den größeren Laufrädern nicht ersetzen.






