Wie viel ist wenig?
Cross Country Bikes und ihr Gewicht

Jedes Kilo weniger kostet 1000 Euro mehr: So lautet eine grobe Faustformel für Cross Country Bikes. Aber ab wann ist ein Cross Country Bike eigentlich leicht? Und ab welchem Preis bewegt man sich in den Bereich der Unvernunft?

Cross-Country-Bikes Gewicht
Gerade bei Racebikes ist das Gewicht ein essenzieller Faktor für die Performance. Wir verraten, warum Leichter aber nicht immer auch besser ist.

Im Radsport verhält es sich genau umgekehrt wie beim Metzger: Für jeden Euro, den man mehr ausgibt, bekommt man in der Regel etwas weniger Bike – zumindest, wenn man das „weniger“ auf das Gewicht bezieht. Doch ab einem gewissen Level lassen Mountainbike-Hersteller jedes Gramm Gewichtsersparnis teuer bezahlen.

Vor allem bei Cross-Country-Bikes, wo ein niedriges Gesamtgewicht als Fahrspaß-Booster Nummer eins gilt, schießt man schnell übers Ziel hinaus. Wer von einem Racefully unter 10 Kilo träumt, sollte sich bewusst sein, dass solche Bikes im fünfstelligen Preisbereich liegen.

Racebike-Gewichtsmarke
Die magische Gewichtsmarke bei Race-Hardtails: 10 Kilo. Darunter fängt der Spaß an.
Racefully Gewicht
Racefullys wie das Cervélo ZFS 5 erreichen auch die magische 10-Kilo-Marke, sind dann aber sehr teuer.

Suchtgefahr - Leichte Bikes begeistern

Cross Country Bikes leben von der Begeisterung, die sie mit ihrem leichtfüßigen Antritt versprühen. Wer einmal auf einem Mountainbike mit weniger als 10 Kilo Gesamtgewicht gesessen hat, weiß, wovon die Rede ist. Wer dies noch nicht erlebt hat, muss uns an dieser Stelle einfach glauben: Es fühlt sich himmlisch an, mit solchen Bikes zu beschleunigen oder Berge zu erklimmen. Das niedrige Gewicht ist, neben den gut rollenden Reifen und den effizienten Fahrwerken, der Hauptgrund für dieses Gefühl, das süchtig machen kann.

Selbst Biker, die nicht an Wettkämpfen teilnehmen, verzichten bei ihrer Feierabendrunde oft bewusst auf die Option, Spaß auf anspruchsvollen Trails zu haben und bevorzugen stattdessen ein leichteres Bike unter sich, um auf Schotterwegen oder leichten Trails das unwiderstehliche Gefühl von Geschwindigkeit und Leichtigkeit zu genießen.

Gewicht am Berg
Mit einem leichten Bike muss man weniger Hubarbeit verrichten, wenn es bergauf geht. Aber der Effekt ist kleiner, als man denkt.

Wie viel Zeit spart man mit einem leichten Mountainbike im Anstieg?

Diejenigen, die bei Marathonrennen an den Start gehen, profitieren tatsächlich von einem geringeren Gewicht unter dem Hintern und verschaffen sich so einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Dabei ist die absolute Zeitersparnis, die ein leichtes Bike beim Anstieg ermöglicht, geringer, als man vielleicht denkt. In unserem Racebike-Systemvergleich haben wir dies bereits exemplarisch dargestellt.

Eine Gewichtsreduzierung von 700 Gramm verkürzt die Fahrzeit bei einem Anstieg von ca. 1800 Höhenmetern um lediglich eine Minute. Für alle, die nicht im Startblock A eines Marathons stehen, dürfte dies kaum entscheidend sein. In der Welt der Marathon-Weltmeisterschaften sieht dies natürlich anders aus. Aber das ist nicht der einzige Vorteil, den leichte Bikes mit sich bringen.

Gewicht Fahrrad beschleunigen
Vor allem beim Beschleunigen des Bikes aus der Kurve oder über Kuppen kommt der Gewichtsvorteil zum Tragen.

Leichte Bikes fahren nicht nur bergauf schneller.

Die exemplarische Rechnung mit der Zeitersparnis von einer Minute bezieht sich nur auf die zusätzliche Hubarbeit, die nötig ist, um das schwerere Bike 1800 Höhenmeter hochzuhieven. Aber man muss das Gewicht auch bei jedem Antritt beschleunigen. Gerade auf verwinkelten Strecken sind es diese kleinen Antritte aus der Kurve heraus oder über eine Kuppe, die auf die Gesamtfahrzeit gesehen viel Kraft kosten.

Wer das nachvollziehen möchte, sollte einmal den aktuellen Spritverbrauch beim Losfahren von einer roten Ampel auf seinem Tacho beobachten. Die Anzeige schnellt selbst bei behutsamer Fahrweise in schwindelerregende Höhen. Genau das passiert auch beim Biken.

Rahmengewicht Fullys
Bei Race-Fullys entfallen etwa 15 - 20 % des Gewichts vom Komplettbike auf den Rahmen.
Rahmengewicht Racebikes
Racefullys haben meist ein Rahmengewicht von ca. 2 Kilo. Leichte Exemplare liegen bei 1700 g. Bei Hardtails gibt es Rahmen unter 800 Gramm.

Wie leicht ist ein leichtes Racebike?

Um ein präzises Verständnis dafür zu entwickeln, wann ein Cross Country Bike als leicht oder schwer einzustufen ist, haben wir für euch den gesamten Markt analysiert. Unser Fokus lag dabei ausschließlich auf Bikes mit 100 mm Federweg. Wir haben die Gewichte im Verhältnis zum Preis betrachtet. Sowohl das Diagramm als auch alle weiteren Aussagen basieren auf den Herstellerangaben zum Gewicht ohne Pedale und dem jeweiligen Preis (UVP).

Gewichtstabelle Racebikes
Wir haben den kompletten Racebike-Markt analysiert. Racehardtails unter 10 Kilo gibt es ab ca. 3000 €. Racefullys knacken diese Grenze auch oberhalb der 6.000 €-Marke nicht.

Bei Hardtails liegt die Gewichtsgrenze, ab der man von einem leichten Bike sprechen kann, bei 11 Kilo. Bikes unterhalb dieser Marke sind ab circa 2.000 Euro erhältlich. Besondere Begeisterung lösen Hardtails mit einem Gewicht unter 10 Kilo aus. Für solche Bikes muss man allerdings deutlich über 2.500 Euro investieren. Wer bereit ist, über 5.000 Euro auszugeben, kann sogar XC-Hardtails mit einem Gewicht unter 9 Kilogramm erwerben. Im Preissegment unter 1.500 Euro muss man jedoch mit einem Gewicht des Komplettrades von 12 Kilogramm oder mehr rechnen.

Bei Fullys muss man im Vergleich zu Hardtails bei gleichem Preis mit einem Mehrgewicht von 1,5 bis 2 Kilo rechnen. Racefullys, die zwischen 3.000 und 4.000 Euro kosten, wiegen mit wenigen Ausnahmen über 12 Kilo. Die Grenze von 11 Kilogramm unterschreitet man erst, wenn man 5.000 Euro oder deutlich mehr investiert. Wer von einem Cross Country Fully unter 10 Kilogramm träumt, muss über 10.000 Euro ausgeben.

leichtestes Racefully
Eines der leichtesten Racefullys derzeit: Das Cervélo ZFS 5 mit exakt 10 Kilo.
Leichtestes Race-Hardtail
Mit 9,4 Kilo ohne Pedale schafft es das Merida Big.Nine nicht in die Top 5 der leichtesten Hardtails.

Das sind die leichtesten Race-Hardtails ab Werk

Wir haben nach den leichtesten Cross-Country-Bikes gesucht. Dabei handelt es sich bei den Angaben in den Tabellen jeweils um Herstellerangaben. Für diese Tabellen haben wir den Blick auf den gesamten Markt gerichtet und über 1000 Racebikes analysiert.

Zwei Erkenntnisse sind dabei eindeutig:

  • Das Offensichtliche: Hardtails sind ca. 1,5 kg leichter als Fullys.
  • Das Überraschende: Dem Hersteller Cube gelingt es zweimal, mit einem vermeintlich niedrigen Preis in die Top 5 vorzustoßen.
Modell (Hardtail) Gewicht Federweg Preis
Stoll R1 Race Lightweight 7,6 kg 100 mm 11000 €
Orbea Alma M-LTD 8,0 kg 0 mm 8499 €
Mondraker PODIUM CARBON RR SL 8,1 kg 100 mm 8499 €
Cube Elite C:68 SLT 8,5 kg 100 mm 7299 €
Scott Scale RC Worldcup AXS 8,9 kg 100 mm 7299 €

Die leichtesten Racefullys wiegen ab Werk unter 9 Kilo

Immer mehr Hersteller setzen im Bereich der Cross Country Fullys auf 120 mm Federweg. Modelle wie das Orbea Oiz, das Scott Spark RC und Mondrakers F-Podium sind erfolgreiche Racebikes, die nun alle ausschließlich mit 120 mm Federweg erhältlich sind. Damit reagieren die Hersteller auf immer technischere Strecken in Wettkämpfen und nutzen das technisch Mögliche vollständig aus.

Selbst in der Topversion, inklusive Teleskopstütze, wiegen diese Bikes selten unter 11 Kilo. In der untenstehenden Tabelle und im oben abgebildeten Diagramm wurden diese Bikes nicht berücksichtigt. In diesem Artikel konzentrieren wir uns ausschließlich auf Bikes mit 100 mm Federweg.

Modell (Fully) Gewicht Federweg Preis
Stoll M2 XC Lightweight 9,2 kg 100 mm / 100 mm 12200 €
Cube AMS Zero 99 C:68 SLT 9,3 kg 100 mm / 100 mm 7099 €
Trek Supercaliber SLR 9.9 9,3 kg 100 mm / 70 mm 11499 €
KTM Scarp Exonic 9,5 kg 100 mm / 100 mm 9099 €
Cervelo ZFS 5 10 kg 100 mm / 100 mm 11299 €

An diesen Parts lässt sich am meisten Gewicht sparen

Teleskopstütze Gewicht
Im Vergleich zu einer Carbonstütze wiegt eine Teleskopstütze etwa 500 g mehr. Aber das Gewicht lohnt sich auf dem Trail.
Rahmengewicht
Am Rahmen selbst lässt sich nach der Anschaffung kein Gewicht mehr sparen. Aber ein Blick auf die Bauteile drumherum lohnt sich.

Das Gewicht ist ein wichtiger Faktor für ein Racebike, aber nicht der einzige, den es zu beachten gilt. An bestimmten Komponenten lässt sich hervorragend Gewicht einsparen, ohne dabei die Performance zu beeinträchtigen. Zu diesen Teilen zählen Kassetten, Schaltwerke, Laufräder, Lenker, Vorbauten und Kurbeln. Wer hier Gewicht reduziert, kann dies ohne Funktionseinbußen tun.

Wer dagegen bei den Reifen, der Federgabel oder der Sattelstütze anfängt, um jedes Gramm zu feilschen, muss damit rechnen, die Quittung dafür auf dem Trail zu bekommen. Unser großer Racebike Systemvergleich hat beispielsweise gezeigt, dass eine Teleskopstütze im Vergleich zu einer starren Carbon-Sattelstütze einen deutlichen Mehrwert bietet. Die zusätzlichen 500 Gramm sind also aus Performance-Sicht gerechtfertigt. Reifen mit unzureichendem Pannenschutz führen häufig zu Defekten. Außerdem müssen Gabeln ausreichend steif sein, um im Gelände eine gute Lenkpräzision zu gewährleisten.

SRAM Transmission Schaltung Gewicht
SRAMs neue Transmission-Schaltungen sind oft einen kleinen Tick schwerer als vergleichbare mechanische Systeme.

Gewichtstuning Tipp Nummer 1

Mit dem Umbau auf Tubeless montierte Reifen lässt sich meist ca. 200 Gramm Gewicht sparen und obendrein sogar noch die Performance im Gelände und der Pannenschutz erhöhen. Ab Werk werden die allermeisten Bikes mit einem klassischen Schlauch ausgeliefert. Das Umrüsten mit Tubeless-Milch und Tubeless-Ventilen kostet ca. 30 € und lohnt sich in jedem Fall.

Gewicht MTB
Darf man nicht vergessen: Das Gewicht eines Bikes sollte auch immer in Relation zum eigenen Körpergewicht gesehen werden.

Gewicht auch immer in Relation zum eigenen Körpergewicht sehen.

Die ganze Diskussion um das Gewicht eines Bikes muss auch immer mit Blick auf das eigene Körpergewicht gesehen werden. Ein ausgezehrter CC-Racer mit 65 Kilo Körpergewicht reagiert auf dieses Thema deutlich sensibler als ein Fahrer mit 85 Kilo oder mehr. Für Fahrer über der 80-Kilo-Marke lautet unsere Empfehlung klar: Leichtbau, aber bitte nur im sinnvollen Bereich.

Mit höherem Körpergewicht steigt auch die Belastung auf das Material im Gelände. Reifen mit verstärktem Pannenschutz, Bremsen mit größeren Bremsscheiben, Gabeln mit stabileren Standrohren und sogar etwas mehr Federweg machen mehr Sinn, wenn man selbst nicht zu den Fliegengewichten zählt.

Als Faustregel kann man sich an der Relation zwischen Körper- und Bike-Gewicht orientieren. Bei einem Fahrer mit 65 Kilo entspricht ein Cross-Country-Hardtail mit einem Gesamtgewicht von 10 Kilo etwa 15 % seines Körpergewichts. Ein Fahrer mit 80 Kilo erreicht dasselbe Verhältnis aus Körper- zu Bike-Gewicht mit einem 12-Kilo-Fahrrad.

Über den Autor

Ludwig

... hat mehr als 100.000 Kilometer im Sattel von über 1000 unterschiedlichen Mountainbikes verbracht. Die Quintessenz aus vielen Stunden auf dem Trail: Mountainbikes sind geil, wenn sie zu den persönlichen Vorlieben passen! Mit dieser Erkenntnis hat er bike-test.com gegründet, um Bikern zu helfen, ein ganz persönliches Traumbike zu finden.

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